Hannes Weninger

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Karl Renner – Gründervater der Republik

Als Staatskanzler, als Nationalratspräsident und als Bundespräsident hat er Österreich mitgestaltet und geprägt.

Geboren am 14.12.1870 in Untertannowitz/Dolní Dunajovice (Mähren; heute Republik Tshechien)

Verstorben am 31.12.1950 in Wien

Karl Renner wuchs als eines von 17 Kindern einer Bauernfamilie auf, studierte in Wien Rechtswissenschaften und erhielt 1895 eine Anstellung in der Parlamentsbibliothek. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits engen Kontakt zu führenden Persönlichkeiten der Sozialdemokratie, v.a. zu Engelbert Pernerstorfer, und wurde Mitbegründer der "touristischen Gruppe" der Naturfreunde, deren erstes Vereinsabzeichen er auch entwarf.

Ab 1899 veröffentlichte Renner zahlreiche politische Schriften, wobei er als Staatsbeamter meist Pseudonyme, wie etwa "Synopticus", "Joseph Karner" oder "Rudolf Springer" verwenden musste. Sein besonderes Interesse galt Fragen der Sozialpolitik sowie der nationalen Frage, in der er als Verfechter einer föderalistischen Neuordnung der österreichisch-ungarischen Monarchie hervortrat.

1907 wurde Renner in den Reichsrat gewählt und 1911 zum Obmann des Zentralverbandes der österreichischen Konsumvereine. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie übernahm Renner 1918 als Staatskanzler die Bildung der ersten Regierung der Ersten Republik; von 1918 bis 1919 war er außerdem Mitglied der Provisorischen und von 1919 bis 1920 Mitglied der Konstituierenden Nationalversammlung.

Als Leiter der österreichischen Delegation bei den Friedensverhandlungen von St. Germain musste Renner die harten Bedingungen der Westmächte akzeptieren. Renner führte die Regierung bis zum Ende der Koalition im Jahr 1920. Danach war er bis 1923 und anschließend wieder von 1931 bis 1933 Präsident des Nationalrates, dem er von 1930 bis 1934 auch als Abgeordneter angehörte.

Innerhalb der Partei widmete sich Karl Renner hauptsächlich wirtschaftlichen Aufgaben, v.a. in den Konsumgenossenschaften und in der 1922 gegründeten Arbeiterbank, deren Initiator und Präsident er war. Im Parteivorstand galt Renner stets als ein Exponent des "rechten Flügels".

Am 12. Februar 1934 wurde Karl Renner verhaftet und für hundert Tage in Haft gehalten; die Anklage wegen Hochverrats wurde allerdings wieder fallengelassen. Renner zog sich in der Folge nach Gloggnitz zurück und befasste sich mit wissenschaftlichen und literarischen Arbeiten. Am 3. April 1938 erschien im "Neuen Wiener Tagblatt" ein Interview, in dem er den "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich begrüßte. Rückblickend erscheint es als wahrscheinlich, dass Renner mit dieser verhängnisvollen Erklärung sich und seine Familie schützen wollte.

Als die Rote Armee im April 1945 auch Gloggnitz besetzte, nahm Renner sofort Kontakt mit der sowjetischen Kommandantur auf. Angeblich soll Stalin persönlich entschieden haben, dass Karl Renner mit der Wiederherstellung eines selbständigen Staates Österreich betraut werden sollte.

Am 20. April 1945 kam Renner nach Wien, wo die drei wieder begründeten Parteien im Wiener Rathaus bereits eine neue Stadtverwaltung gebildet hatten. In der sowjetischen Kommandantur in der Kantgasse führte Renner ein erstes Gespräch mit Adolf Schärf; wenig später begannen die Verhandlungen mit den Vertretern der drei Parteien über die Bildung einer provisorischen Regierung. Diese Verhandlungen erwiesen sich schon deshalb als schwierig, da die Kommunisten mehrere Schlüsselpositionen verlangten.

Renner fand eine Kompromissformel und wurde – wie schon 1918 – Staatskanzler; dabei stand ihm ein "Politischer Beirat" mit drei Staatssekretären (Schärf, Kunschak, Koplenig) zur Seite.

Die neue Regierung wurde am 27. April gebildet und noch am selben Tag von den Sowjets anerkannt. Ihr Wirkungsbereich umfasste zu diesem Zeitpunkt außer Wien allerdings nur das östliche Niederösterreich, den Großteil des Burgenlandes und einen Teil der Steiermark – im Westen wurde noch gekämpft.

Die wichtigste Aufgabe Karl Renners bestand nun darin, die Anerkennung seiner Regierung durch die Westmächte und die demokratischen Kräfte in den westlichen Bundesländern zu erlangen. Mitte September stimmte der Alliierte Rat, das gemeinsame Organ der vier Besatzungsmächte, einer "Länderkonferenz" zu, in der Vertreter aller Bundesländer mit der Provisorischen Regierung verhandeln sollten. Diese Konferenz tagte am 24. und 25. September in Wien; in der Folge wurde die Regierung Renner als gesamtösterreichisch anerkannt und um Vertreter der westlichen Bundesländer erweitert.

Es war das persönliche Verdienst Karl Renners, dass in Österreich als erstem befreiten Land in Europa bereits Ende November 1945 landesweite demokratische Wahlen abgehalten werden konnten.

Am 20. Dezember 1945 wurde Karl Renner von der Bundesversammlung – dem neugewählten Nationalrat und dem Bundesrat – einstimmig zum ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik gewählt.

Als Bundespräsident war Renner in den Jahren 1945 bis 1950 eine Integrationsfigur und ein ständiger Mahner zu Zusammenarbeit, Erhaltung der Demokratie, Achtung der Menschenrechte und Wiedererlangung der Souveränität.

Im Oktober 1949 erschien im Londoner "Observer" ein Artikel, der Renners Wirken sehr treffend charakterisiert: 

Er schien gerade der Mann zu sein, den die Russen benötigten: alt, sehr alt, sehr beliebt, lange nicht mehr in Berührung mit der praktischen Politik, eine Verbindung mit der Vergangenheit, eine respektable Fassade für eine Volksfront-Regierung, die rasch von einigen jungen, energischen Kommunisten erobert werden würde. Aber diesmal hatten die Russen den falschen Mann ausgewählt. Renner war mild, freundlich und verbindlich, auch bereit, einige Ministerposten den Kommunisten zu überlassen, aber durchaus befähigt, die Zügel in den eigenen Händen zu behalten.

Am Haus Praterstraße 8 weist eine Gedenktafel darauf hin, dass Karl Renner von 1918 bis 1934 hier wohnte.

Im Schweizergarten, 3., Landstraßer Gürtel 1, erinnert ein von Architekt Berthold Gabriel und Bildhauer Heinrich Deutsch gestaltetes Denkmal an die Rolle Karl Renners bei den Staatsgründungen von 1918 und 1945. Ursprünglich für den Rathauspark geplant, wurde das Denkmal von den Stadtvätern als zu "modern" angesehen und deshalb 1966 hier aufgestellt.

Das prominenteste Denkmal für Karl Renner nach einem Entwurf von Josef Krawina und mit einem von Alfred Hrdlicka gestalteten Porträtkopf befindet sich im Wiener Rathauspark, wo es am 27. April 1967 feierlich enthüllt wurde.

Nach dem früheren Staatskanzler und erstem Bundespräsidenten der Zweiten Republik wurden auch der Dr.-Karl-Renner-Ring (1956) und die politische Akademie der SPÖ, das Karl-Renner-Institut, benannt.

Werk (teilweise unter den Pseudonymen Synopticus oder Rudolf Springer): Staat und Nation, 1899; Der Kampf der österreichischen Nationen um den Staat, 1902; Grundlagen und Entwicklungsziele der österreichisch-ungarischen Monarchie, 1906; Der deutsche Arbeiter und der Nationalismus. Untersuchungen über die Größe und Macht der deutschen Nation in Oesterreich und das nationale Programm der Sozialdemokratie, 1910; Was ist die nationale Autonomie? Was ist soziale Verwaltung?, 1913; Österreichs Erneuerung, 3 Bände, 1916; Marxismus, Krieg und Internationale, 1917; Das Bankkapital, seine Entwicklung und seine Funktion, 1926; Karl Kautsky. Skizze zur Geschichte der geistigen und politischen Entwicklung der deutschen Arbeiterklasse, 1929; An der Wende zweier Zeiten. Lebenserinnerungen, 1946; Die neue Welt und der Sozialismus. Einsichten und Ausblicke des lebenden Marxismus, 1946; Lyrisch-soziale Dichtungen, 1950; Nachgelassene Werke, 3 Bände, 1952–53; Das Weltbild der Moderne, 1954; Schriften. Hrsg. und mit ein Nachwort von Anton Pelinka, 1994.
 

Literatur: Ludwig Adamovich, Dr. Karl Renner als Wissenschaftler, 1951; Christian Dickinger, Österreichs Präsidenten. Von Karl Renner bis Thomas Klestil, 2000; Rudolf Exner, Reformistische Konzeptionen in der Zwischenkriegszeit. Ein Vergleich der Theorien Eduard Heimanns und Karl Renners, 1982; Franz Josef Feichtenberger, Die Länderkonferenzen 1945. Die Wiedererrichtung der Republik Österreich, 1965; Heinz Fischer (Hrsg.), Karl Renner. Porträt einer Evolution, 1970; Helmut Konrad (Hrsg.), Arbeiterbewegung und Nationale Frage in den Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie, 1993; Helmut Konrad (Hrsg.), Sozialdemokratie und "Anschluß". Historische Wurzeln, Anschluß 1918 und 1938, Nachwirkungen, 1978; Tommaso La Rocca (Hrsg.), Karl Renner. Politik und Religion, 2004; Wolfgang Maderthaner, Karl Renner 1870–1950, 2000; Siegfried Nasko, Karl Renner. Zwischen Anschluss und Europa, 2000; Anton Pelinka, Karl Renner zur Einführung, 1989; Hans Schroth, Karl Renner, 1970 .

SPÖ gedenkt Karl Renner zum 150. Geburtstag

Karl Renner gehört zu den großen PionierInnen der Republik, die maßgeblich verantwortlich dafür sind, dass wir heute in einem der wohlhabendsten und sozialsten Länder der Welt leben. „Unter Renners Kanzlerschaft wurden die Fundamente für den modernen Sozialstaat und ein demokratisches Österreich geschaffen. Was die Sozialdemokratie in der Nachfolge Karl Renners zutiefst verinnerlicht hat, ist, dass Demokratie, sozialer Zusammenhalt und Gerechtigkeit über allem stehen“, würdigen SPÖ-Bundesparteivorsitzende Pamela Rendi-Wagner die Verdienste Renners.

Mitbegründer eines starken Sozialstaates

Renner war ein Politiker, der nicht wegsah, wenn er dem Elend begegnete. Im Gegenteil: Gerade auch aus seiner eigenen Armutserfahrung heraus wurde er ein Mitbegründer eines starken Sozialstaates.Unter den Regierungen Renner I bis III wurden sozialpolitische Meilensteine wie der Acht-Stunden-Tag, die Arbeitslosenversicherung, der Ausbau der Kranken- und Unfallversicherung, der Urlaubsanspruch für ArbeiterInnen und die Errichtung der Arbeiterkammer beschlossen. So selbstverständlich Renners Errungenschaften heute erscheinen – ohne die Sozialdemokratie wäre vieles davon schon wieder Geschichte.

Stärkung der Demokratie

Neben sozialpolitischen Reformen war es vor allem die Stärkung der Demokratie, die der Jurist Renner – auch unter dem Eindruck zweier Weltkriege – stets vorantrieb. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es auch ihm zu verdanken, dass wieder ein ungeteilter und demokratischer Staat entstand. Renner beauftragte Hans Kelsen damit, eine demokratische Verfassung zu entwerfen. Eine seiner herausragendsten demokratiepolitischen Reformen war die Durchsetzung des allgemeinen gleichen Männer- und Frauenwahlrechts im Jahr 1918.

Dr. Karl Renner-Museum für Zeitgeschichte https://www.rennermuseum.at/

https://orf.at/stories/3193031/

 

Der 14. Dezember war der 150. Geburtstag unseres Namensgebers Karl Renner. Er war einer der bedeutendsten Politiker der Sozialdemokratie und eine herausragende Figur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er ist Gründervater beider österreichischer Republiken und legte das Fundament für unsere Verfassung, die Neutralität und den Sozialstaat. Renner war ein pragmatischer Politiker, der Dialog und Konsens über die politischen Lager hinweg suchte und der zur Republik stand, als sie viele aufgegeben hatten. Auf seinem langen Weg aus der Monarchie, in die Erste Republik, den Bürgerkrieg und Austrofaschismus, den Nationalsozialismus und den demokratischen Neubeginn waren Irrtümer und biografische Brüche unvermeidbar. „Die großen Leistungen würdigen, die Schatten ausleuchten.“ – Darum geht es in einer neuen Publikation über Karl Renner, die von Michael Rosecker zu diesem Anlass verfasst wurde und die ihr hier herunterladen könnt.

Hier ein Überblick über die interessantesten Beiträge zu Karl Renner in diesem Jahr:

  1. Kommentar: Karl Renner – der Republiksgründer und die Zweifler, von Doris Bures

Doris Bures, zweite Nationalratspräsidentin und Präsidentin des Karl-Renner-Instituts, würdigt in diesem Kommentar in der Tageszeitung derStandard die Verdienste des zweifachen Republikgründers, benennt seine Fehler und verteidigt ihn gegen jene unseriösen Angriffe, die aus unlauteren Motiven erfolgen. „Renner kam aus einer verarmten bäuerlichen Familie und musste Hunger und Not am eigenen Leib erfahren. Diese frühkindlichen Prägungen sollten auch sein Politikverständnis nachhaltig bestimmen, nämlich Politik als Instrument zu verstehen, das das tägliche Leben der breiten Bevölkerung verbessern soll. Auf dieser historischen Reise – von der Monarchie über die Republik, durch die Zeit zweier Faschismen und zweier Weltkriege und schließlich zur Wiedergeburt Österreichs aus Trümmern und Elend – blieben Brüche und Widersprüchlichkeiten wohl kaum vermeidbar. Diese Brüche trägt Renner nicht allein in sich. Sie sind unverrückbarer Bestandteil der österreichischen Geschichte und Identität. Trotz oder gerade wegen dieser Brüche das Fundament für das moderne, demokratische Österreich gelegt zu haben, ist das bleibende historische Verdienst Renners."

  1. Publikation: Karl Renner – Ein republikanisches Fundament, von Michael Rosecker

Wie vom 18. Kind einer verarmten Weinbauernfamilie in Südmähren der erste Kanzler der Ersten Republik wurde, der nach Faschismus und Krieg dann auch noch die Zweite Republik mitbegründete, das erzählt der Historiker und stellvertretende Direktor des Karl-Renner-Instituts, Michael Rosecker, in diesem Text, der zum 150. Geburtstag von Karl Renner erschienen ist. Rosecker schildert nicht bloß biografische Details, sondern verwebt das Leben und Wirken Karl Renners mit den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen seiner Zeit. Das Ergebnis ist eine mitreißende Geschichte Österreichs der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und die kritische Würdigung eines herausragenden Sozialdemokraten und Staatsmannes. Der Text steht hier zum Download und kann auch in gedruckter Form kostenlos bestellt werden. Antwortet dazu einfach auf dieses Mail!

  1. Ö1 Radiokolleg: Karl Renner – Staatsmann, Schlitzohr, Sozialist

In einem besonders gelungenen Radiokolleg geht der Journalist Günter Kaindlstorfer den Ambivalenzen Karl Renners nach. Er spricht mit Josef Haslinger, Karl-Markus Gauß, Verena Moritz, Michael Rosecker und anderen. Nachzuhören ist die 4-teilige Sendung in der Ö1 Radiothek.

  1. ORF TVthek: Baumeister der Republik – Karl Renner

Cornelius Obonja führt durch diese ORF III Dokumentation über Karl Renner, in der historische Film- und Tonaufnahmen Karl Renner und seine Zeit lebendig machen. Zu Wort kommen unter anderem Stefan Karner, Siegfried Nasko und Anton Pelinka. In der ORF TVthek könnt ihr den Film noch einige Tage nachschauen.

  1. Das Karl Renner-Museum für Zeitgeschichte                                      

1907 wurde Karl Renner als Abgeordneter in den Reichsrat gewählt. Zum ersten Mal erfolgte die Wahl über ein allgemeines gleiches Männerwahlrecht. Das Staatsgebiet wurde dazu in Wahlkreise aufgeteilt, jeder Wahlkreis erhielt dabei ein direkt gewähltes Mandat. Die Sozialdemokratie konzentrierte sich auf jene Wahlkreise, in denen eine realistische Chance auf einen Wahlsieg bestand und Karl Renner wurde als Kandidat für den Stadtwahlkreis Neunkirchen auserkoren. Er erreichte auf Anhieb klar die absolute Mehrheit und ließ sich schließlich mit seiner Familie in Gloggnitz, das in seinem Wahlkreis lag, nieder. Nach dem Tod von Renners Tochter wurde die Villa 1978 zum Karl Renner-Museum für Zeitgeschichte umgebaut. Noch heute lohnt sich ein Besuch. Neben der Dauerausstellung gibt es wechselnde Sonderausstellungen über die österreichische Zeitgeschichte zu besichtigen und der wunderschöne Garten lädt zum Verweilen ein. Noch befindet sich das Museum in einer Corona-/Winterpause und eröffnet wieder am 12. Februar.

 

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